Rettet die Handschrift – mit dem iPad!

Da ich Deutschlehrer bin, kann ich die Besorgnis über den drohenden Verlust der Handschrift nicht unkommentiert lassen. Im Augenblick unterrichte ich in Deutsch eine achte Klasse, wobei ich einen großen Teil der schriftlichen Arbeiten auf dem iPad erledigen lasse.

Unsere iPad-Klassen beginnen in der siebten Klasse, also haben die Schüler mindestens sechs Schuljahre Unterricht in der Handschrift hinter sich. Sie haben in der Grundschule gelernt, die Buchstaben zu Papier zu bringen und mit der Zeit immer komplexere Gebilde aus Worten geformt. In der siebten Klasse hat sich dann die Handschrift schon weitgehend verfestigt. Und nun stellt sich in meinen Klassen meist folgende Situation dar: Der größte Teil der Schülerinnen und Schüler verfügt über eine saubere, gut lesbare Handschrift, die „Ausdruck der Persönlichkeit“ ist und die jungen Menschen sicher ein Leben lang begleiten wird. Bei diesen Schülern spielt es dann auch keine Rolle mehr, ob sie auf Papier oder mit einem iPad-Stift auf dem Tablet schreiben.

In jeder Klasse gibt es aber einige wenige Schreiber, für die das Schreiben von Hand eine viele Jahre dauernde Qual ist, da es ihnen einfach nicht gelingen will, lesbare oder im weitesten Sinne ordentliche Buchstaben und Wörter zu schreiben. Für diese Schüler beginnt das dauernde Erleben ihres Misserfolges bereits in der Grundschule und bis zur siebten Klasse haben sie sich damit abgefunden, dass sie eine „Sauklaue“ haben. Noch nie habe ich es erlebt, dass ein Schüler in diesem Alter noch versucht hat, seine Handschrift auf Papier ernsthaft zu verbessern.

Hier kommt nun das iPad ins Spiel. Ich habe bei den „Schmierfinken“ meiner achten Klasse die Erfahrung gemacht, dass sich ihre Handschrift durch das Schreiben auf dem iPad verbessert, auch wenn sie wieder auf Papier schreiben. Dies hat folgenden Grund: Ich habe sie konsequent angehalten, beim Schreiben auf dem iPad solange jeden einzelnen Buchstaben immer wieder neu zu schreiben, oder besser gesagt zu malen, bis sie mit dem Ergebnis wirklich zufrieden waren. Begonnen habe ich damit natürlich mit einzelnen Worten in Lückentexten (womit Grammatik- oder Rechtschreibstunden automatisch auch zu Schönschreibstunden wurden) und bin dann zu immer längeren Texten fortgeschritten. Die Folgen haben mich selbst überrascht. Schüler, die sich bis dahin fast geweigert hatten, mir ihre Texte zu zeigen, kamen am Ende jeder Stunde auf mich zu und wollten mir zeigen, wie schön sie die digitalen Arbeitsblätter ausgefüllt hatten oder sie radierten zuhause nochmal alle Lücken weg und füllten sie in ihrer Sonntagsschrift wieder aus. Ein halbes Leben lang haben sie sich von Misserfolg zu Misserfolg geschrieben und plötzlich können sie stolz auf gewaltige Verbesserungen bei ihrer größten Schwäche sein. Das sollte doch das Ziel eines jeden Lehrers sein.

Autor: Peter Eckert

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2 Antworten zu Rettet die Handschrift – mit dem iPad!

  1. Valerie Neher schreibt:

    Der Titel klingt paradox: Die Handschrift retten mit dem iPad? Das ist ja unglaublich! Zunächst hält man als non-digital das elektronische Medium eher für den Untergang der „Handarbeit“. Die Magie elektronischer Medien ist schon erstaunlich. Da freue ich mich mit. Herzlichen Glückwunsch!

    • Peter Eckert schreibt:

      Vielen Dank,
      bisher habe ich das nur bei wenigen Schülern so beobachtet, es wäre interessant, das Phänomen noch ausführlicher und systematischer zu untersuchen. Unter Stress, z.B. in Prüfungen fallen die Schüler auch noch in alte Schreibmuster zurück. Hier ist dann auch noch die langfristige Perspektive interessant.

      Peter Eckert

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